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25.Oktober 2002
Gegen den Willen
Würde ich? Ja, ich würde. Würden andere? Schwer
zu sagen, zugeben würden es die wenigsten. Am liebsten sind
mir die, die sagen, sie würden und würden und die, die
nicht würden, weil sie nicht wollen - nicht weil sie nicht
können. Würde ich gegen den Willen jemand was "Gutes"
tun. Wenn ich wüßte, jemand der immer jammert, wäre
zufrieden mit seinem Leben, wenn ich diese und jene psychologische
Veränderung an ihm vornähme - ich würde. Ohne zu
fragen. So einfach ist das nun nicht, wie es da steht. Weil alles
ist ja mit allem verflochten und so und irgendwie. Genug der platten
Spötteleien. Ach ja, wen hab ich denn da grad im Auge? Als
ich es schrieb, niemanden - doch jetzt, wo ich mir jemanden suchte,
einen meiner treuesten Leser :-), Hallo xyz (muß ja niemand
wissen, daß ich Dich meine, wir haben am Mittwoch vormittag
kurz telefoniert). Beim Weiterschreiben werde ich also an Dich denken,
denn Du bist auch ein wirklich gutes Beispiel, für fast die
gesamte Problematik. Erst mal, bist Du nicht zufrieden mit Deinem
Leben. Zum anderen würdest Du, wenn jemand Dir sagte, er könne
es einfach ändern, ablehnen. Und ich würde es trotzdem
tun, wenn ich könnte. Und fühle mich nicht mal schlecht
dabei, hab nur so einen kleinen Rechtfertigungsdrang.
Und nun Stränge aus der Verflechtung:
Wir beeinflussen einander immer
Das muß ich nicht begründen, oder? Wir beeinflußen
einander nicht nur, wenn wir eine Veränderung merken, jede
unserer Aktionen, sobald sie vom anderen bemerkt wird, dies kann
auch unterhalb der Bewußtseinsschwelle passieren, beeinflußt
diese anderen und umgekehrt. Drastische Beispiele: Es ist ziemlich
schwierig fröhlich zu sein, wenn man sich über längere
Zeit mit jemand mit grottenschlechter Laune im Zimmer aufhält
oder mit jemand, der Kummer hat. Es ist ziemlich schwierig liebevoll
zu sein ohne dabei überheblich zu sein, wenn jemand einen benzenden
Ton in der Stimme hat. Man kann diese beiden Verhalten jetzt rechtfertigen,
doch darauf kommt es mir in dem Fall nicht an - wichtig ist, daß
ein anderes Verhalten, wenn man es mal experimentiell versucht,
nicht auf Anhieb klappen wird. Selbst wenn man will, kann
man nicht so einfach lächeln und vor sich hin summen und innerlich
auch gelassen und froh sein, wenn jemand intensiv vor sich hinmosert
- und wer das gelernt hat, womöglich wegen guter Dauerlehrmeister,
wird nicht heiter bleiben können, wenn jemand neben ihm weint.
Ich sage nicht, daß es angebracht wäre heiter zu bleiben
- nein, darum geht es gar nicht, ich sage, man kann es nicht, selbst
wenn man beschließen würde, daß es angebracht ist.
Ich weiß, daß der Gedanke, den ich gerade nicht meine,
so tief in vielen Menschen drin steckt, drum noch einmal, von einer
anderen Seite: Die Frage, um die es mir gerade geht, ist nicht,
ob das Verhalten, das man in Zusammenhang mit der Stimmung anderer
Menschen zeigt, sinnvoll ist, die Frage ist nur, ob man auch ein
anderes Verhalten zeigen könnte wenn man wollte. Man kann nicht
- und das ist so schwer einzusehen, daß man sich, bevor man
das zugibt, gleich wieder in die Begründung flüchtet:
"Es ist doch richtig, tröstend zu sein, wenn jemand weint."
- "Wenn der die ganze Zeit rummosert, hab ich doch Recht, zurückzustänkern."
- darum geht es nicht, wirklich nicht - es geht gerade nur und ausschließlich
um die Frage: Wenn Du nicht trösten wolltest, könntest
Du es auch bleiben lassen? Wenn Du nicht stänkern wolltest,
könntest Du es auch bleiben lassen? Könntest Du in beiden
Fällen anstelle dessen auch anders sein, z.B. konzentriert,
heiter, ... (ich könnte auch fragen: niederträchtig, spöttisch,
... - daran, daß ich das nicht frage, kann man schon erkennen,
daß später praktische Konsequenzen folgen werden)
Nur die Frage: Könntest Du auch anders sein, wenn Du wolltest?
Könntest Du, wenn Du wolltest?
Die meisten Menschen können nicht. Sie können so entschieden
nicht, daß sie die Frage weit von sich weisen, sie für
unsinnig erklären, empört sind, den Frager für bescheuert
erklären, konstatieren, daß der Frager das ja wohl auch
nicht kann, und was der Dinge mehr sind. Aber die Frage ist sehr
wichtig. Und ihre ehrliche Beantwortung auch. Vielleicht wird die
Antwort erleichtert, durch das Wissen, daß man es lernen kann.
Innere Zustände beeinflußen äußeres Geschehen
Und jetzt zurück, zu meiner machiavellischen Ader. Ich weiß,
daß Menschen ganz anders sein können. Der selbe Mensch,
der früher Mammi angerufen hat, wenn die Glühbirne im
Bad kaputt war und darüber lamentiert hat, daß im Leben
alles schief geht und man immer Pech hat, steigt jetzt auf einen
Stuhl und schraubt die Glühbirne ein - dabei hat sich gar nichts
geändert - an den Beinen, den Händen, den Augen, dem Stuhl,
dem Bad, der Lampe und der Glühbirne. Und mehr braucht es doch
nicht, sollte man meinen, um eine Glühbirne einzuschrauben?
Nun, im äußeren Leben dieses Menschen hat sich was verändert
- er hat etwas geschafft, was er nicht sicher wußte, ob er
schaffen würde und dem hat er unheimlich viel Wert zugemessen.
Und komischerweise beeinflußt dieser Erfolg auch die Fähigkeit
in einer konkreten Situation das Bad wieder zu erleuchten. Ausserdem
beeinflußt es auch das soziale Leben, der Mensch trifft seitdem
eine Menge anderer nette Menschen. Sonderbar ist das. Wenn Mammi
zwei Jahre früher gewußt hätte, wenn sie dies oder
jenes tut, fühlt sich der junge Mensch so wohl, als hätte
er den Erfolg bereits errungen und würde nicht mehr glauben,
daß im Leben alles schieft geht und würde nicht mehr
glauben, daß er immer Pech hat? Würde Mammi dieses oder
jenes tun? Ich weiß nicht, die allgemeine Mammi gibt es nicht
- ich würde.
Der innere Zustand hat sich verändert, bei dem jungen Menschen
im Beispiel, durch, drum ist dieses Beispiel, mag man einwenden,
nicht für meine Zwecke geeignet, durch eigene Anstrengung -
um Erfolg zu haben, muß man etwas tun! Ja, für den Erfolg
soll dieser junge Mensch auch weiterhin was tun, doch wenn ich den
Zustand so beeinflußen könnte, daß er sich auch
vor dem Erfolg nicht wertlos und Alltagsproblemen nicht gewachsen
fühlt, dann hat das ja nichts mit dem Erfolg zu tun. Die Badlampe
hat einfach nichts mit der Leistung zu tun, die zum Erfolg führte
- da ist eine ganz unglückliche Verbindung aufgebaut. Und wenn
ich den Zustand so dezidiert beeinflußen könnte, daß
der Mensch sich nicht mehr wertlos fühlt, ohne andere Charkterzüge
zu verändern, wie zum Beispiel, die Bereitschaft für den
Erfolg zu arbeiten und die soziale Kompetenz und ... - dann würde
ich das tun.
Und das weiß ich eben nicht. Also darf ich nichts tun. Nicht
wahr?
Bewußt handeln?
Doch, ich darf - ich muß sogar. Wir beeinflußen einander
immer - das ist so selbstverständlich, daß es gar nicht
lang genug in seinen Konsequenzen bedacht werden kann. Mammis Verhalten
vor zwei Jahren hat mit Sicherheit auch Einfluß auf den Zustand
des jungen Menschen gehabt, irgendwie wurde Mammis verhalten dazu
verwendet, den Zustand zu stabilisieren, es wirkte, in welchem Grade
auch immer, zustandserhaltend. Kann natürlich auch anders gewesen
sein, es wirkte destabilisierend und der junge Mensch hat sich angestrengt,
in den alten Zustand wieder zurückzukommen - ganz gleich, was
war, Mammis Verhalten hat den jungen Menschen damals beeinflußt.
Ich beeinfluße gerade Dich. Vielleicht wirkt in Dir die Frage
nach: Könntest Du, wenn Du wolltest? Vielleicht hat die direkte
Anrede gerade bei Dir bewirkt, daß Du nicht mehr weiterlesen
wirst und ganz sicher nicht mehr darüber nachdenken. Ich weiß
es nicht. Aber ich weiß, was Reizworte sind und ich weiß,
welche Sprachkonstruktionen provokative Wirkung auf manche Menschen
haben und ich verwende sie intuitiv zwar und doch bewußt.
Jetzt, wo ich der Meinung bin, ein Zustand des Unglückes,
der veränderbar ist, sollte verändert werden und jetzt
wo ich weiß, daß ich andere Menschen immer beeinfluße,
wäre es doch an der Zeit, zu lernen, wie man andere Menschen
beeinflußt. Es ist doch sicher vernünftiger, menschlicher,
besser, etwas zu tun und zu wissen, was man tut, als einfach irgendwas
zu tun und irgendwas wird schon passieren?
Aber
gegen den Willen? Tja. Das ist ein heißes Thema. Ich würde
mich tatsächlich gerne davor drücken. Kommt selten vor.
Weil ich festgestellt habe, daß ich es tun würde, auch
gegen den Willen, darum habe ich angefangen zu schreiben. Ich weiß,
daß man das nicht tut, auf gar keinen Fall sagt und schon
gar nicht denkt. Wenn ein kleines Kind jammert, weil es weiter spielen
will, aber jetzt ist Zeit, einkaufen zu gehen, gibt es ganz einfache
Möglichkeiten, die oft funktionieren - ein Bonbon, ein Lied,
ein Witz, ein Lachen, ein im Kreis drehen, eine Geschichte, eine
andere Tonlage, eine Ablenkung: "Schau mal, der Teddy fragt,.
ob er auch mit darf" (wirken tut nicht der Glaube, daß
der Teddy mit will, sondern die Fokusverschiebung - Kinder sind
nicht sooo unrealistisch). Ich hab noch nie gehört, daß
jemand dieses Verhalten als unethisch bezeichnet hätte - und
es ist eindeutig gegen den Willen des Kindes - und das Kind fühlt
sich eindeutig nachher besser - und macht, was der Erwachsene als
der Situation angemessen beschlossen hat, Einkaufen, in diesem Fall.
Daran ist nichts auszusetzen.
Nun gut, vielleicht hat ein kleines Kind noch keinen Willen. Das
Kind wird sicher anderer Meinung sein, und in der Erinnerung haben
alle Menschen mit drei Jahren schon einen Willen gehabt - aber OK,
machen wir mal das Zugeständnis, es wäre irgendwie kein
richtiger Wille - zwar intensiv und stark, wie ein richtiger Wille
zu sein hat, aber völlig unrealistisch in den Zielen.
Ich spare mir jetzt die Schritte über das Schulkindalter und
das Jugendlichenalter, ich gehe jetzt gleich zu xyz. Er ist erwachsen.
Sein Wille ist offensichtlich in gewissen Situationen unglücklich
zu sein. Ist das ein realistisches Ziel für einen Willen? Also
wende ich das Argument, womit ich das Umgehen des Willen des Dreijährigen
gerechtfertigt habe auch hier an. Das war zu einfach, das kann es
nicht gewesen sein.
Der Grund ist, wie mir scheint, man darf nicht. Punkt. Man darf
andere Erwachsene nicht gegen ihren Willen beeinflußen. Aber
man tut es doch dauernd! Wir beeinflußen einander immer. Also
bleibt als Verbot nur: Man darf andere Erwachsene nicht willentlich
und bewußt gegen ihren Willen beeinflußen.
Daß ich das nicht akzeptieren kann, dürfte klar sein. Und
ausnahmsweise bitte ich um Rückmeldung. Was hab ich vergessen?
Was kurzgeschlossen? Was kann ich dazu lesen?
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